Boxen mit der ARD

Gestern hatte ich einen Traum. Ich stand im Boxring. Neben mir brüllte dieser Mann mit dem amerikanischen Akzent meinen Namen. Und dann rieselte es 30 Millionen Euro auf mich herab.

Es war ein prima Gefühl. Leider konnte ich das Geld nicht einsammeln. Es ist schwer mit Boxhandschuhen Geldscheine aufzufangen. Und dann war ich wieder der Verlierer – die Milli- önchen regneten an mir vorbei und türmten sich im Boxring auf. Im Publikum saßen die Intendanten der Rundfunkanstalten. Sie klatschten sich ihre Hände wund. Zum Glück bin ich wieder wach geworden.

»Trotz erheblicher Bedenken« (laut NDR-Pressemitteilung) hat die ARD einen neuen Lizenzdeal mit den Boxställen ausgemacht. Statt 54 Millionen, wie zunächst geplant, wurden die Kosten auf 30 Millionen heruntergeschraubt. Kürzere Vertragslaufzeit. Weniger Kämpfe. Und trotzdem: 30 Millionen! Was ein Sender mit dieser Summe alles anfangen könnte. Wie wäre eine Fernsehwelt, in der es wieder Geld für alle gäbe, in der es nicht nur noch um eins ginge: ums Sparen an Produktionen oder ums Sparen an den Menschen.

Was hätte zum Beispiel Mitteldeutschland von 30 Millionen Euro mehr im TV-Produktionsbudget? Mein neuer Traum: 1.000 Dokumentationen könnten mit diesem Budget entstehen. Ein paar EB-Teams könnten losfahren: 40.000 um genau zu sein. Ein Drehboom würde entstehen, Kameramänner, Assistenten und Autoren blieben im Land. Oder die Teampreise könnten steigen, auf das sonst in Deutschland übliche Niveau. Oder man gibt der Medienförderung Geld für anspruchsvolle Spielfilmproduktionen aus Mitteldeutschland. Welche Effekte das haben würde für Image, Produktionen und die Menschen wage ich mir kaum auszumalen. Jetzt fühle ich mich wie Martin Luther King und hoffe das mich niemand erschießt wegen eines Traums. Ich danke den deutschen Boxställen für die Inspiration.

Ach ja. Ganz weit im Westen, beim WDR wird nicht geträumt, da ist die Fernsehwelt gerecht. »Nach intensiver und kontroverser Diskussion« (Vorsitzende Ruth Hieronymi) hat der Rundfunkrat den Box-Deal zähneknirschend abgesegnet. Aber: In Zukuft will man derartigen Boxverträgen nicht mehr zustimmen. Die armen Boxer werden ohne die vielen Millionen hoffentlich genauso gut träumen wie ich.