Produktionsstandort Mitteldeutschland

Kolumne von Dr. Johannes Beermann, Staatsminister und Chef der Sächsischen Staatskanzlei

Im vergangenen Jahr hat sich herausgestellt, dass über Jahre Chancen auf vermehrte Produktionen in Mitteldeutschland verspielt wurden. Denn jene Millionen, die im Kinderkanal KiKA dadurch veruntreut wurden, dass Scheinrechnungen ausgestellt wurden, sind natürlich potenziellen Produzenten verlorengegangen. Das ist nicht nur strafrechtlich relevant und moralisch verwerflich, sondern auch mehr als ärgerlich, besonders auch vor dem Hintergrund, dass der Mitteldeutsche Rundfunk mit seinen Produktionstöchtern seit Jahren aufgefordert wird, mehr Produktionen nach Mitteldeutschland zu geben. Ich hoffe, dass die noch ausstehende endgültige Aufklärung auch beim MDR ergibt, dass es sich um einen Einzelfall und nicht um System handelt.

Mitteldeutschland hat sich zu einem attraktiven, hoch modernen Produktionsstandort entwickelt, der die neuesten Technologien einsetzt. Das wiederum birgt großes Potenzial und verändert die Filmproduktion im positiven Sinne. Neue Ästhetiken entstehen, Genres vermischen sich. So befruchten sich beispielsweise Spiel- und Animationsfilm auf kreative Weise und eröffnen neue Welten: Im internationalen Maßstab denke ich da an »Tim & Struppi« von Steven Spielberg. Vor Ort sehe ich den Kinofilm »Alois Nebel«, eine tschechischdeutsche Koproduktion, für die weite Teile der Animation in Mitteldeutschland realisiert wurden, als gutes Beispiel an. Immerhin hat es der Film auch auf die Short List für die Oscar-Nominierung geschafft.

Der Filmbranche als Teil der immer stärker wahrgenommenen Kultur- und Kreativwirtschaft bietet Mitteldeutschland sehr viel Potenzial. Bei jeder neuen Produktion zeigt sich, dass Kreativität auch bedeutet, Lösungen zu finden und unkonventionelle Wege zu gehen.

Die Entwicklung solcher Ansätze ist zumeist nicht möglich ohne feste Wurzeln. Mitteldeutschland hat als Standort für Filmproduktionen Tradition. In Sachsen war dafür lange Zeit maßgeblich das DEFA-Studio für Trickfilm in Dresden. Dessen Filmstock konnte nach der Wende durch das Deutsche Institut für Animationsfilm übernommen werden. Die Tätigkeit ist auf Forschung, Archivierung und Wissensaustausch gerichtet. Dort werden Puppen, Entwürfe, Grafiken und andere Herstellungsmaterialien gesammelt. In den ehemaligen DEFA-Mitarbeitern lebt das Wissen und die Liebe zum Film fort. Aber allein die Rückschau auf eine Tradition schafft noch keine neuen Aufträge für all jene Firmen, die sich in den Jahren nach der friedlichen Revolution gegründet haben. Deshalb muss die Frage gestellt werden dürfen: Hat Mitteldeutschland als Produktionsstandort auch eine Zukunft?

Ich meine ja. In Sachsen gibt es ein Kreativitätszentrum in Leipzig, das nicht nur bis Halle, sondern auch bis Erfurt, Eisenach, Dresden und Görlitz ausstrahlt. Die Entwicklung dieses Standorts ist auch ein Erfolg der Politik. Die in Leipzig angesiedelten großen Produzenten wie der MDR mit seinen Tochterfirmen, aber auch die Mitteldeutsche Medienförderung und die vielen technischen Dienstleister ziehen immer neue Projekte zwischen Technik und Kultur an. Zahlreiche Firmen haben sich deswegen hier gegründet. Inzwischen spielt Leipzig als Medienstandort in der Bundesrepublik eine wichtige Rolle. Und die dort ansässigen Unternehmer zeigen sich hoch zufrieden mit den Produktionsbedingungen – was wichtig ist für die weitere Entwicklung und das Entstehen von Kreativität. Bei diesen Unternehmen handelt es sich nämlich zumeist um eher kleine Gründungen – die sich oft spontan aus dem Notwendigen ergeben haben. Diese Vielfalt ist ein großes Pfund.

Der Freistaat Sachsen hat die Entwicklung des Medienstandorts Leipzig weiterhin fest im Auge. Mitteldeutschland ist ein guter Humusboden, auf dem kleine, aber gern auch große Unternehmenspflanzen gedeihen können. Dabei ist ein Ziel sächsischer Politik, den hiesigen Medienstandort weiter zu stärken und nicht nur bundesweit, sondern international bekannter zu machen. Ich bin mir sicher, dass eine größere Wahrnehmung des hiesigen Potenzials auch hilft, die Produktionen zu finanzieren und dadurch die Unternehmen auf gesicherte Beine zu stellen. Auf meinen Reisen in den Mittleren Osten habe ich erfahren, dass man zum Beispiel in den Vereinigten Arabischen Emiraten großes Interesse insbesondere am deutschen Animations- und Kinderfilm hat, gerade weil sich dessen Handschrift von Amerika und Japan abhebt. Hier zeichnen sich Möglichkeiten eines neuen Marktes ab.

Auch dies ist ein Grund, warum der MDR den Fokus wieder stärker auf die Möglichkeiten der Filmproduktion in seinem Sendegebiet richten sollte. Unsere Produzenten haben es verdient, international UND regional geschätzt zu werden – und sie werden es schließlich auch.