Geld ist nicht alles

Kolumne von Rainer Robra, Chef der Staatskanzlei Sachsen-Anhalt

Wer sich in Deutschland als Politiker mit dem Thema Filmproduktion befasst, kommt an dem Eindruck nicht vorbei, dass es immer nur um das Eine geht: Geld! Genauer gesagt: Geld aus öffentlichen Kassen, das in Form von bedingt rückzahlbaren Förderdarlehen oder Rundfunkgebühren für die Filmproduktion zur Verfügung stehen soll. Einige Themen des »MFFV-Newsletter« oder die regelmäßigen Informationen der »Produzentenallianz« bestätigen eine solche These.

Jedoch: Geld ist bei der Filmproduktion weniger das Ziel der Arbeit des Produzenten als deren notwendige Bedingung, hat Günter Rohrbach kürzlich in »Blickpunkt Film« konstatiert. Mit der Produktion von Filmen sei hierzulande kein finanzieller Überschuss mehr zu erzielen. Das Geld sei zum Produktionsmittel geschrumpft. Es sei allgemein akzeptiert, dass die Produzenten dank der Förderung verhältnismäßig risikofrei arbeiten könnten, dass sie also weitgehend unabhängig vom materiellen Erfolg ihrer Filme seien. Ob diese Erkenntnis eines der erfahrensten und erfolgreichsten deutschen Produzenten von den mitteldeutschen Produzenten geteilt wird?

Am Beispiel der Entwicklung von Sachsen-Anhalt zu einem kleinen, aber international wettbewerbsfähigen Film- und Medienstandort lässt sich jedenfalls nachweisen, dass die Bereitstellung von Fördermitteln ein entscheidender Erfolgsfaktor war und ist. Ab der Gründung der Mitteldeutschen Medienförderung MDM im Jahr 1998 standen für Film- und Fernsehprojekte sowie für sonstige Fördermaßnahmen jährlich 12,5 Mio. Euro bereit, davon jeweils 2,55 Mio. Euro aus Sachsen-Anhalt. Insgesamt konnte die MDM damit bisher über 1500 Projekte unterstützen. Der wirtschaftliche Effekt ist in allen drei Ländern deutlich höher als die jährliche Einzahlung.

Dieser nachhaltige Erfolg der MDM als Institution der Wirtschaftsförderung hat das Land Sachsen-Anhalt motiviert, mit dem Haushaltsgesetz für 2012/13 die jährliche Zahlung an die MDM auf 2,8 Mio. Euro zu erhöhen. Es ist einer der ganz wenigen Haushaltstitel, bei denen der Landtag einen Aufwuchs gewährt hat. Damit erfüllt das Land eine Verabredung aller MDM-Gesellschafter. Wir möchten, dass die MDM ihre Finanzkraft im Vergleich zu den anderen deutschen und europäischen Förderern behält. Sachsen-Anhalt geht davon aus, dass sich die Investition in den Medienstandort auch zukünftig bewährt. Auch die Darlehensprogramme der Investitionsbank Sachsen-Anhalt, z. B. für die notwendige Zwischen – finanzierung von Projekten, stehen daher zur Verfügung.

Trotzdem ist Geld nicht alles. Weder die beiden großen Rundfunkanstalten MDR und ZDF noch die MDM sind allein dem wirtschaftlichen Effekt verpflichtet. Die Rundfunkanstalten haben nach dem Rundfunkstaatvertrag mit ihren Programmen die demokratischen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse der Gesellschaft zu erfüllen und insbesondere Beiträge zur Kultur anzubieten. Die MDM soll laut Gesellschaftsvertrag auch die Film- und Medienkultur stärken und damit der Ausprägung kultureller Identität in der mitteldeutschen Region dienen.

Im Dezember 2013 wird die MDM ihr 15-jähriges Bestehen feiern. Würde man aus diesem Anlass den Bürgerinnen und Bürgern in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen einen Querschnitt der MDM-geförderten Projekte in einer Retrospektive zeigen – was ich hiermit vorschlage –, so könnte jeder Kinobesucher mit eigenen Augen sehen, dass die MDM den hohen kulturellen Anspruch erfüllt, den die drei Länder bei der Gründung der MDM an sie richteten.

Zu verdanken ist dies in erster Linie den Film- und Fernsehproduzenten, denn sie tragen genau die Ideen an die MDM heran, die hohen kulturellen und wirtschaftlichen Wert vereinen. Die unzähligen Festivalpreise MDM-geförderter Filme sind ebenso ein Beleg für die große nationale und internationale Wertschätzung wie die Besucherzahlen im Kino. MDR und ZDF tragen nach Kräften zu diesem positiven Bild bei, auch wenn sie verständlicherweise darauf zu achten haben, dass Kulturanspruch und Einschaltquote in einem ausgewogenen Verhältnis stehen.

Die Entwicklung der Medienwirtschaft in Mitteldeutschland ist ein gelungenes Beispiel für die Symbiose von Kultur und Wirtschaft. Die mitteldeutschen Länder und die beiden Rundfunkanstalten sind konstruktive Begleiter der ansässigen Medienwirtschaft. Ich begrüße es daher grundsätzlich, dass der MDR jetzt auch im Programmbereich erstmals eine öffentliche Ausschreibung vorgenommen hat. Die Resonanz auf die Ausschreibung zeigt die Kreativität der Firmen und unterstreicht, dass der Wettbewerb um Fernsehaufträge enorm ist. Mitteldeutsche Produktionsfirmen und technische Dienstleister sind talentiert und leistungsfähig. Sie brauchen den Wettbewerb nicht zu scheuen, vorausgesetzt er wird zu gleichen Bedingungen ausgetragen. Deswegen ist zu hoffen, dass sich das neue Verfahren des MDR bewährt und in Deutschland zügig weiterverbreitet. Dann hätten mitteldeutsche Firmen die faire Chance, neue Aufträge auch in Köln, München, Berlin oder Hamburg zu bekommen.

Die alltägliche Sorge um das Geld wird Filmproduzenten auch in Zukunft begleiten. Wenn trotzdem immer wieder junge, gut ausgebildete Absolventinnen und Absolventen von den Hochschulen in die Produktionsfirmen streben, muss das einen Grund haben. Jacob Claussen, der in diesem Sommer in Quedlinburg »Das kleine Gespenst« drehte, findet, dass er »den schönsten Beruf der Welt« hat. Ich hoffe, dass auch die Mitglieder des MFFV diese Ansicht teilen. Die bei uns entstandenen Produktionsbedingungen sind ein sehr guter Grund, als Filmproduzentin oder Filmproduzent in Mitteldeutschland zu arbeiten. ó