„Ich konzentriere mich auf meine Vision“

Interview mit 99pro-Geschäftsführer Bernd Schumacher

Herr Schumacher, produzieren Sie in Leipzig anders als Ihre Kollegen in den Speckgürteln der großen Privatsender?
In der »Heldenstadt« können wir uns unabhängig und in Ruhe entwickeln. Wir finden hier ein riesiges Potenzial an jungen, kreativen Menschen vor, die wir in eigenen Ausbildungen auf ihre anspruchsvollen Berufe im Fernsehen vorbereiten. Unsere Producer, Autoren, Kamera-Crews und Cutter haben einen erstklassigen Ruf, republikweit. Wir gestalten Zukunft. Als »Ossis« auch gerne weiter in der Außenseiter-Rolle…

Die großen Fernsehmetropolen sind hunderte Kilometer entfernt. Wie bleiben sie dran am Klatsch und Tratsch auf den Fluren?
Wir sind einmal die Woche in Köln und in München. Das reicht – für die vertrauensvolle Arbeit mit den Entscheidern und auch für den neuesten Klatsch und Tratsch. Den muss mir nicht täglich einer um die Ohren hauen. Da konzentriere ich mich lieber auf meine Vision.

Formate wie »Daniela Katzenberger – natürlich blond« werden oft – zum Beispiel im »Spiegel« – als Trash belächelt. Wie fühlen Sie sich als Trash-Produzent?
In unseren Produktionen zeigen wir ganz normale Menschen, die sich nicht verstellen, und wie Daniela Katzenberger in ihrem Dialekt reden. Das wird in Deutschland als mangelnde Bildung und als ein weniger wertvoller Beitrag, also als »Trash«, eingestuft. Dabei wird übersehen, was gerade diese Protagonisten für die Gesellschaft leisten. Für mich ist die Verlogenheit eines Wulff »Trash«, Danielas Offenheit gehört zu den Werten, nach denen sich die junge Generation sehnt. Ist denn Herr Glööckler »Trash«? Ist das nicht ein mutiger Mensch? Und stehen solche Programme nicht für Toleranz?

Was würden Sie gerne mal für den MDR produzieren?
Auch im MDR möchte ich gern eine unterhaltsame Serie zeigen, die aus dem Leben kommt. Wo Menschen das Programm sind. Menschen, die ihre Träume, ihren Alltag, ihre Emotionen mit den Zuschauern teilen und ihre Sprache sprechen. Das könnte massiv junge Leute zum Sender bringen. Ob wir das nun umsetzen oder doch die alten MDR-Hasen, ist dem Zuschauer egal. Hauptsache, es passiert. Aber ich denke, der neue Fernsehdirektor hat’s drauf.