Ein Jugendkanal

Was macht dieser dicke, eckige, sprechende Kasten in meinem Traum? Er steht vor meinem Ofen, brummelt vor sich hin und riecht irgendwie nach saurem Teig. Wieso ist er so grün – ist das etwa Bernd das Schimmelbrot?

Ein bisschen Nachtprogramm ist ihm geblieben und eine kleine KiKA-Sendung. »Ich will den Jugendkanal«, stöhnt er traurig, »ich bin so altbacken« – bereit aus Verzweiflung und Protest seinen Teigleib ins Backrohr zu stürzen. »HALT!« brüllt mein Traum-Ich. »Eine neue Brotzeit bricht an! Der Jugendkanal kommt! Das haben heute alle Intendanten beschlossen. Spring nicht in die heiße Röhre! Komm zurück und mach mit! Lustige, mutige und wahrhaftige Brotmenschen werden da gebraucht.«

Tatsächlich einstimmig heben alle Intendanten ihre zarten Finger, als es im Gremium »Junge Formate« gilt, die Revolution im deutschen Fernsehen zu beschließen: Der Jugendkanal soll’s endlich richten. Ein Sender für die schwierigste TV-Zielgruppe, die der 16- bis 25-jährigen. Ab 1. Januar 2013 von 21 bis 4 Uhr auf den Frequenzen des KiKA. Es wird ein krasses, provokatives, lustiges Programm. Üppig ausgestattet mit 100 Millionen Euro Jahres-Etat. Unsere Intendantin ist stolz auf den Beschluss und erklärt: »Wir haben endlich die Lücke geschlossen zu den Menschen, die wir kaum erreichen. Wir erweitern unseren Bildungsauftrag und wollen Jugendlichen (und allen anderen) ein tolles Programm bieten. Auch die konservativen Sender werden davon profitieren.«

Das ist ja so BBC! Wow! In Großbritannien gibt es so einen Kanal bereits seit vielen Jahren. BBC Three. Das verrückte »Little Britain« kommt von da. Dokumentationen beschäftigen sich mit schwulen Fußballern oder was passiert, wenn der eigene Bruder Islamist wird. Talkshows werden nicht in Studios produziert, sondern bringen Zuschauer, Entscheider und Meinungsmacher am Ort des Geschehens zusammen. Und was die jungen Zuschauer über das Programm denken und was sie besser machen würden, das wird offen und transparent im Netz diskutiert. Die Briten sehen es so: »Wir haben keine Angst davor, neue Formate auszuprobieren.« Toll. Dieser Satz wird Paragraph Eins in den Statuten des Jugendkanals.