„Es sind die Menschen, die das Programm machen“

Interview mit Guntram Schuschke, Vorsitzender von fairTV e.V.

Mit welchem Ziel haben Sie fairTV gegründet?
Schauen Sie sich um! Finden Sie die Entwicklung der letzten Jahre im TV-Bereich in Mitteldeutschland in Ordnung? Wir nicht! Wir sehen einen Kostendruck, den wir in dieser Form nicht nachvollziehen können. Dadurch sinkt die Qualität der Produktionen, das ist ein Marktgesetz. Unser großes Ziel ist also, gemäß unserer Satzung, der Qualitätserhalt im Fernsehen. Das geht aber nicht ohne angemessene Vergütung für die selbständigen Kreativen, die mit ihrer Flexibilität das Rückgrat der mitteldeutschen Produktionslandschaft darstellen. Sie hatten bisher einfach niemanden, der ihre Interessen aktiv vertritt. Das sind in Zukunft wir.

Wie bewerten Sie die Einkommenssituation selbständiger TV-Schaffender im Vergleich zur Situation vor zehn Jahren?
Aktuell alarmierend, in der Tendenz katastrophal. Allein durch Infl ationsverluste kommen wir hier in Mitteldeutschland statistisch auf 15% realen Einkommensverlust! Und das hat nicht vor 10 Jahren angefangen, sondern vor 20, da sind das schon 41%! Hinzu kommen oft längere Arbeitszeiten für das gleiche Geld, gestrichene Zuschläge für Mehrarbeit, Sonntage, Feiertage, Sonderleistungen. Von dem fehlenden Zuschlag für die gestiegenen Anforderungen an die Kompetenz ganz zu schweigen. Ein Schnittmeister zum Beispiel ist heute nicht mehr nur Schnittmeister, sondern auch Grafi ker, Typograf, FX-Experte, Kolorist, Sound-Designer, Musik-Berater, Musik-Archivar, Tontechniker und manchmal sogar Dramaturg. Wir nehmen diese Herausforderungen gern an, aber das Gefühl, nicht angemessen bezahlt zu werden, wird davon nicht besser.

Aber ist es nicht vollkommen richtig, dass die Einkommen in TV-Berufen sinken? Wenn man die Menge der Filme auf Youtube betrachtet, dann kann man schon denken: Das kann heute jeder…
Diese Argumentation hören wir leider ziemlich oft, und ich halte sie auch gesellschaftlich für gefährlich. Kreative Medienberufe im TV waren historisch – wenn man diesen Begriff für die kurze Zeit des Bestehens von Radio und Fernsehen benutzen darf – in ihrer Einkommensstruktur auf die Mitte der Gesellschaft gerichtet. Das hat auch politisch relevante Gründe, da es hier große Verantwortung gibt. Nicht umsonst nennt man die Medien »die vierte Gewalt im Staate«. Und die größtmögliche Objektivität wird eben nur aus der Mitte der Gesellschaft heraus erreicht. Für die Medienschaffenden ist diese Position aktuell massiv gefährdet. Ausserdem wird ja derzeit angesichts des Zeitungssterbens viel über zunehmende Käufl ichkeit von Meinung diskutiert. Auch in diesem Zusammenhang ist fi nanzielle Unabhängigkeit Voraussetzung für objektiven Journalismus. Und schließlich handelt es sich hier um hochqualifi ziertes Fach personal, das Qualität verspricht! Nur weil inzwischen jeder mit einem Handy die technischen Voraussetzungen besitzt, verfügt er weder über die Ausbildung noch die Erfahrung für das Herstellen professioneller Fernsehproduktionen, von den nötigen Begabungen für diese künstlerischen Berufe ganz zu schweigen! Das ist überhaupt das große Missverständnis – vor allem beim MDR, wie es scheint: mehr auf die Technik als auf die Fähigkeiten der Kreativen zu vertrauen. Technik wird immer bedeutungsloser. Es sind die Menschen, die das Programm machen. Und hier kommt der Wahlspruch von fairTV ins Spiel: If you pay peanuts, you get monkeys!

Selbständige Kameraleute, Cutter, Assistenten und Autoren ver – handeln ihre Honorare normalerweise selbst. Welche Rolle soll fairTV dabei spielen?
Sagen wir mal so: Fähigkeiten in kreativen Medienberufen und Verhandlungsgeschick gehen nicht automatisch Hand in Hand. Da setzen wir an. Wir helfen den Selbständigen, ihre Forderungen durchzusetzen – durch unsere Musterbriefe, durch Argumentationshilfe, durch Leitlinien und Empfehlungen für ihre Preisgestaltung oder für Sonderregelungen wie Staffelvereinbarungen. Wir recherchieren durch unsere Mitglieder und andere Freiwillige die Arbeitsund Vergütungsbedingungen ansässiger Produktionsfi rmen, stellen Vergleiche an und sorgen für Transparenz. Und wenn es sein muss, dann legen wir auch den Finger direkt in eine Wunde, sprechen mit Produzenten und den Sendern. Langfristig wird aus diesen Recherchen dann das fairTV-Siegel.

fairTV-Siegel?
Wir planen so eine Art Güte- und Fairness-Siegel für Fernsehproduktionen. Vielleicht schaffen wir es so, einen Wettlauf nicht nur um den Preis, sondern auch um Fairness und Qualität anzustoßen. Aber wie bei allen anderen Sachen sind wir noch am Anfang, haben wenig Erfahrung und große Pläne. Also fragen Sie mich das besser nochmal in ein, zwei Jahren…

Wie wollen Sie Sender und Produzenten davon überzeugen, dass die Honorare angepasst werden müssen? Die Kassen – so hört man jedenfalls – sind überall leer.
Jammern gehört zum Geschäft. Und Ursachen für leere Kassen sind in unserer Region ganz sicher nicht zu hohe Vergütungen für die kreative Arbeit. Tatsache ist, dass Technik tendenziell preiswerter wird, dass seit Jahren an der Qualität des Programms gespart wurde, dass Löhne und Honorare real sinken und dass zugleich die Rundfunkgebühren ähnlich der Infl ation steigen. Wir wollen uns das gern erklären lassen. Aber überzeugen? Es wäre tragisch, wenn wir Sender mit Kultur- und Bildungsauftrag oder ihre Auftragnehmer wirklich davon überzeugen müssten, dass nur durch Qualitätsfernsehen eine Rechtfertigung für Rundfunkgebühren vorhanden ist. Vermutlich wissen das alle Beteiligten auch recht gut. Ich zitiere hier gern Frau Prof. Dr. Karola Wille vom MDR: »Der Gebührenzahler hat ein Recht auf Qualitätsprodukte«. Und Qualität kostet nun einmal Geld. Mit einem ausschließlich auf Preisdumping ausgerichteten Vergabesystem ist das allerdings nicht zu machen. Uns gefällt daher z.B. das Modell der öffentlichen Ausschreibungspraxis, wie es in der Schweiz üblich ist: dort wird von Vornherein der teuerste, aber auch der billigste Anbieter ausgeschlossen. So rückt der Preis als einziges Argument in den Hintergrund.

Haben Sie Wünsche für das neue Jahr?
Zu viele, um sie hier zu äußern. Was fairTV betrifft, so wünsche ich mir vor allem viel mehr Selbstbewusstsein bei den Medienschaffenden. Die Menschen hier verfügen über eine beachtliche Eigenmotivation. Sie leisten auch unterbezahlt noch Unglaubliches! Nach Jahren der Indoktrination mit Parolen wie »Jeder ist ersetzbar!« sind sie sich dessen leider nur noch selten bewusst…