Television vom Fernseh-Kodex

Erschöpft vom Erfinden und Warten bin ich eingenickt auf dem Papierstapel voller eingereichter Projektideen.

Der Tag war wie so viele meiner Tage: etliche Themen zum Sender geschickt, Entscheidungsträgern hinterher telefoniert, wieder einmal niemanden erreicht. Kalkulationen nach unten korrigiert, unrealistische Vertragszusätze akzeptiert und von einer Ausschreibung gehört, die unerklärlicherweise an mir vorbei gegangen ist. Tiefste Selbstzweifel suchen mich heim. Bin ich denn so schlecht?! Ein paar meiner Filme haben doch schon Preise gewonnen. Aber das sind keine mitteldeutschen Produktionen. Hier begnüge ich mich mit den kleinen, den ganz kleinen Dingen. Alles, was ich cool finde, findet im TV ohnehin nicht statt. Und wenn doch, findet es immer ohne mich statt.

Mein Gewissen meldet sich: Es wird endlich Zeit. Zeit für mehr Anstand im Fernsehen, für viel mehr Mut, für Fairness, Respekt und Vertrauen. Wo ist sie, die Hand aus dem Himmel mit den wegweisenden Geboten, den göttlichen Umgangsformen, den niedergeschriebenen Werten, die das Miteinander zwischen Produzent und Sender regeln? Ich will keine fadenscheinigen Absagen mehr. In Großbritannien bei der BBC existiert er doch, der »Code Of Practice«. Er folgt den sieben Prinzipien des öffentlichen Lebens:

Selbstlosigkeit
Integrität
Objektivität
Rechenschaftspflicht
Offenheit
Ehrlichkeit
Führung

Es sind einfache Regeln, die jeder Redakteur und jeder Direktor, jeder Produzent und jeder Kameramann, jeder Autor und jeder Tonmann, überhaupt jeder Mann und jede Frau begreift und anwenden MUSS. Und so gehen die Redaktionen mit den Produzenten offen um. An Programmplanung und Entwicklung sind Produzenten gleichberechtigt beteiligt. Die BBC – ein Produzentenhimmel!?

Plötzlich fällt gleißendes Licht durch mein Bürofenster, die Flügel werden auf gestoßen und zwei ziemlich olle Holzplatten knallen auf meinen Schreibtisch. Eine Stimme aus dem Off verkündet: »Nimm diese beiden Tafeln und verbreite ihre Message! Das mögen die Zehn Fernsehgebote für die nächsten 2000 Jahre sein. So seiet endlich einander fair und wohl gesonnen.« Hellwach starre ich auf die massive Botschaft. Menschenskind, lieber Gott, geht’s nicht etwas moderner, wenn du dich schon einmischst? Schwere Holztafeln und antiquierte Schrift?! Die Formatierung lässt zu wünschen übrig. Okay, muss ja nicht immer gleich alles in Stein gemei- ßelt sein. Aber vielleicht, wenn erst die Patina von der Eiche geblättert ist, könnte das Wunder geschehen. Ich ahne, diese Botschaft wird die Moral des deutschen Fernsehens für die nächsten 2000 Jahren revolutionieren…