„Die Zielgruppe erwartet von uns Grenzgänge“

ARD und ZDF wollen gemeinsam einen Jugendkanal entwickeln. Interview mit SWR-Intendant Peter Boudgoust

Warum braucht die ARD einen eigenen Jugendkanal – und warum ausgerechnet jetzt?
Die Fernsehprogramme von ARD und ZDF haben im Publikum unter 30 Jahren bisher ein Akzeptanzproblem. Denn junge Zuschauerinnen und Zuschauer, die mit dem Gemeinschaftsprogramm Kinderkanal KiKA aufgewachsen sind, werden in der Jugend nicht hinreichend von den öffentlich-rechtlichen Sendern betreut und mit den TV-Angeboten der privaten Anbieter fast alleine gelassen. Diese Lücke möchten ARD und ZDF gerne schließen. Deshalb wollen wir uns gerade hinsichtlich der jungen Zielgruppe mit einem entsprechenden Medienangebot gemeinsam neu aufstellen. Die Veränderung der Mediennutzung junger Menschen zwingt die ARD wie alle Rundfunkveranstalter besonders im Fernsehen, neue Angebote und innovative Produktionsformen zur Ansprache dieser Zielgruppe zu entwickeln.

Warum kann man nicht bis 2017 damit warten, wie das ZDF ursprünglich vorgeschlagen hat?
Die ARD möchte in diesem gesellschaftlich wichtigen Programmvorhaben keine Zeit verlieren. Die Idee eines öffentlich-rechtlichen Jugendkanals hat in der Politik und den Medien zurzeit großen Rückhalt. Der öffentliche Zuspruch auf den Plan, einen öffentlich-rechtlichen Jugendkanal zu schaffen, ist überwiegend positiv. Auch in der Zielgruppe lässt sich eine positive Resonanz, beispielsweise in Form von Kommentaren in den sozialen Netzwerken, ablesen. Die bisherigen vielversprechenden Erfahrungen sollen erweitert und weitere Angebote entwickelt werden.

Warum ausgerechnet die sehr inhomogene Zielgruppe der 14–29-jährigen?
Diese Zielgruppe gibt es genau so wenig als »Block« wie die Senioren/innen, die Frauen, die Männer oder die Menschen mit Migrationshintergrund. Die Zielgruppe ist keine einfache fürs Fernsehen, aber die ARD hat eine ganze Flotte an jungen Hörfunkprogrammen, die genau diese Zielgruppe bundesweit erfolgreich erreicht. Das Reichweitenpotential liegt bei hervorragenden 11 Prozent. Auf diese hohe Kompetenz der Jungen Wellen und der Pop-Wellen können und wollen wir aufsetzen – auch mit gezielt crossmedial entwickelten Angeboten. Bisher hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk die Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit seinen TV-Programmen noch nicht optimal erreicht. Jetzt können wir ihnen durch die gesammelte Kompetenz in Hörfunk, Online und Fernsehen ein »mediales Zuhause« anbieten.

Was unterscheidet den Jugendkanal vom bisherigen Kinderkanal?
Der Jugendkanal soll dort beginnen, wo der KiKA aufhört. Die Zielgruppen haben durch die wichtige Lebensphase Pubertät einen klaren Bruch. Zudem wollen wir ja auch die über 20-jährigen ansprechen – dafür ist die Frage des Programm-Images extrem wichtig. Insofern werden Themenwahl und Umsetzung sich klar von der Welt der Kinder abheben.

Der SWR will noch dieses Jahr ein Konzept für einen Jugendkanal vorlegen. Gibt es schon neue Formatideen? Was wird übernommen?
Es gibt konkrete Vorstellungen, welche Inhalte ein Jugendkanal enthalten sollte. Ein konkretes Konzept kann es aber erst dann geben, wenn die Rahmenbedingungen geklärt sind. Ein erstes festes Angebot für die junge Zielgruppe hat der SWR bereits etabliert. Ende April 2012 startete auf dem Digitalkanal EinsPlus die »Junge Primetime«. Hier läuft täglich ab 20:15 Uhr ein speziell auf die jungen Zuschauer zugeschnittenes Programm. Hinzu kommen Wiederholungen morgens und mittags. Dafür wurden bis heute fast 30 neue Formate entwickelt, u.a. das wöchentliche Musikmagazin »BEATZZ«, das Reportage-Format »Mission Mittendrin« und die Talk- und Reportage-Sendung »Klub Konkret«. Alle Sendungen werden von jungen Moderatoren präsentiert, die eine hohe Akzeptanz in der Zielgruppe haben. Hinzu kommen Übernahmen aus den bestehenden Programmen der ARD-Familie. Für den Jugendkanal würden dann auch Sendungen in Frage kommen, die bisher zum Beispiel bei ZDFkultur liefen.

Welche Rolle können unabhängige Produzenten spielen?
Unabhängige Produzenten können immer wieder einen wichtigen Input von außen einbringen, zum Beispiel durch kreative Themenvorschläge, spezielles journalistisches oder technisches Fachwissen oder innovative Produktionsweisen. Und bestimmte Formate sind mit Hilfe von externen Produktionsfirmen besser realisierbar. Im Moment gibt es noch keinen Anlass für Ausschreibungen. Dies hat erst dann Sinn, wenn Konzept, Beauftragung und Finanzierung des Jugendkanals geklärt sind. Bis dahin werden wir weiter neue Formate für die »Junge Primetime« in EinsPlus entwickeln, budgetbedingt allerdings in ungleich geringerem Umfang als das für einen 24-Stunden-Kanal der Fall wäre. Young Fiction sollte aus SWR-Sicht in einem Jugendkanal eine wichtige Rolle spielen, da das Genre bei der jungen Zielgruppe sehr beliebt ist. Ob und in welchem Umfang dafür Eigenproduktionen beauftragt werden können, hängt wiederum von der derzeit unbeantworteten Frage der Finanzierung ab.

ZDF-Intendant Bellut spricht von »Tabus«, die man als öffentlichrechtlicher Kanal nicht brechen dürfe, auch wenn das junge Publikum dies verlange. Was geht und was geht nicht?
Der Jugendkanal ist noch nicht auf Sendung, da dürfen wir uns doch nicht schon vorher durch moralische Bedenken einschränken. Eine wichtige Vorgabe ist für uns natürlich der Jugendschutz, man darf gesetzliche Grenzen nicht überschreiten. Aber sicherlich kann und muss man in einem Jugendkanal Tabus der »Erwachsenenwelt« hinterfragen und brechen. Ein Beispiel, das Erwachsene leicht irritieren kann, ist das Gaming-Magazin »Reload« auf EinsPlus. Bisher war man es gewohnt, dass im Fernsehen eher negativ über Videospiele berichtet wird. Die Gefahren, wie Gewaltverherrlichung und Spielsucht, stehen oft im Vordergrund. Videospiele sind aber ein wichtiger und ernstzunehmender Bestandteil der Jugendkultur. Die Redaktion nähert sich daher dem Thema ohne Vorurteile und ohne moralischen Zeigefinger. Das bedeutet nicht, dass es nicht auch mit dem öffentlich-rechtlich kritischen Anspruch passiert. Aber die Zielgruppe erwartet von uns auch Grenzgänge und die möchten wir bieten.