Kreativität nach Schema F

Produzenten, Senderchefs und Politik sind inzwischen überzeugt: Wir brauchen mehr Transparenz im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Wir brauchen mehr Offenheit und faires Miteinander zwischen Sendern und Produzenten. Bericht von einer Podiumsdiskussion bei den Mitteldeutschen Medientagen in Leipzig

Was mögen sich die Veranstalter bei diesem Titel nur gedacht haben? »Kreativ nach Schema F«. Nach Schema F kehren Ereignisse immer wieder: einheitlich, unverändert, bürokratisch. Nach Schema F sind wir sinnlose Bearbeiter sinnloser Dinge, Teil einer unkreativen Beamtenstube. Und so fühlt sich diese Veranstaltung an: irgendwie staubtrocken. Ein paar sonst recht aufgeweckte, junge Fernsehnachwuchskreativlinge dösen in den Zuschauerrängen friedlich vor sich hin.

Es geht um die Vergabepraxis bei Fernsehproduktionen. Es gibt genügend Diskussionsstoff. Reiner Robra, Chef der Staatskanzlei in Sachsen-Anhalt, appelliert an den MDR, »auch die zarten Produzenten-Pflänzchen zu pflegen und zu entwickeln, damit sie eben auch groß und stark werden können und im nationalen Wettbewerb bessere Chancen haben«. Er bekommt keinen zustimmenden Applaus. Dabei sind fast alle mitteldeutschen Produzenten zart. 23 Jahre nach der Gründung des MDR hat es die Mehrheit nicht geschafft, wirklich groß und unabhängig vom Heimatsender zu werden.

Es gibt nur stummen Protest statt lautem Aufschrei, als Fernsehdirektor Jacobi seine Redaktionen in Schutz nimmt. »Die Kollegen, die die Angebote prüfen, haben nur Papier in der Hand. Keinen Film, keine Sendung. Sie müssen nach Papier entscheiden und neutral bewerten. Das führt nicht de facto dazu, dass die regionalen Anbieter gewinnen.« Jeder im Raum kennt den Skandal um die Sendung »Einfach Genial«. Eine Münchner Produktionsfirma gewann die Ausschreibung, obwohl der bisherige Produzent aus Leipzig die Sendung seit Jahren erfolgreich realisierte. Flüstern und Tuscheln am Rande. »Die Chefetage hatte doch schon vor der Ausschreibung einen Produzenten aus München ins Auge gefasst«, sagt da einer leise, »damit das Magazin wie Galileo aussieht.« Laut ausgesprochen hat der Flüstermann es nicht. Schade.

Die gefühlte Realität: Niemand weiß, welche Produzenten warum am Angebotsverfahren teilnehmen. Es wird nicht öffentlich, welche Formate überhaupt ausgeschrieben werden. Der MDR – anders als alle anderen ARDAnstalten – fühlt sich zu großen auswärtigen Produzenten stärker hingezogen als besagte zarte Pflänzchen in Mitteldeutschland zu befördern. Und da ist es, das gefühlte Misstrauen, das sich durch die mitteldeutsche Medienbranche frisst…

Fernsehdirektor Jacobi verweist auf die Kriterien für die Auswahl der Produzenten: Genrekompetenz, Zielgruppenkompetenz, thematische Kompetenz, Besetzung und Produktionsstab, bisherige Zusammenarbeit, regionale Kompetenz, aber auch das Thema Newcomer. Nach nun mehr einem Jahr will er das Auftragsvergabesystem neu bewerten. »Man muss sich fragen: In welchem Umfang können wir so was machen. Wir können nur garantieren, dass mindestens drei (Produzenten – d. Red.) mitmachen dürfen. Offen für alle zu sein, können wir gar nicht realisieren. Da würden wir uns ein paar Jahre mit der Auswertung beschäftigen.«

Wir erfahren, dass die Kollegen der Fernsehfilm-Abteilung im vergangenen Jahr beinahe um ihren Sommerurlaub gekommen wären, weil sie 100 Konzepte von 80 Produzenten für den neuen Tatort lesen mussten. Und da kommt es, das erste Kontra, laut und direkt. ProSiebenSat1-Vize Stefan Gärtner betreut drei große Sender, ein paar kleine dazu. Mit insgesamt deutlich weniger Mitarbeitern als das ZDF. »Transparenz stellt man in erster Linie dadurch her, dass man mit den Leuten, die Stoffe einreichen, offen umgeht und in einem relativ kurzen Beantwortungszeitraum begründet.« Grundsätzlich hat Gärtner es als Sendermensch gern breiter, nämlich lieber 10 Ideen zu 10 verschiedenen Formaten als 10 zu 2, wobei er ausdrücklich die kreative Leistung des Produzenten würdigt. Denn Gärtners Mitarbeiter sind stärker angehalten externe Ideen zu bewerten, als eigene in den Raum zu stellen. Und er argumentiert mit der notwendigen Geschwindigkeit, in der beim Privatfernsehen Dinge umgesetzt werden müssen. Ein so wunderbar transparentes Ausschreibungsverfahren kann man sich im Wettbewerb der Privatsender gar nicht leisten.

Am Ende große Einigkeit auf dem Podium: Sender und Produzent müssen sich als Partner verstehen, die sich gemeinsam und vertrauensvoll nach vorn bringen. Nach Schema F geht das bestimmt nicht.