Schlanker als die nächste Miss Germany

Eine neue Dynamik erfasst den Markt für Bewegtbilder. Welche Tendenzen sind jetzt wichtig? Ein Plädoyer für mehr Optimismus von Frank Krause.

Das Budget ist dem Zuschauer am Ende nicht so wichtig.

Das Budget ist dem Zuschauer am Ende nicht so wichtig.

Es gibt Fragen, die lassen sich leicht beantworten. Schmeckt der Kaffee? Geht so. Es fehlt Milch.

Und dann gibt es Fragen, die lassen sich deutlich schwerer beantworten: Schatz, wie findest du eigentlich meine neue Frisur?

So ist es auch mit der Frage, wohin wir uns beim Bewegtbild entwickeln. Fest steht: Der Bedarf wird wachsen, es gibt immer mehr Anbieter, Plattformen und vor allem Bildschirme, die bespielt werden wollen. Im besten Falle parallel und mit jeweils angepassten Inhalten.

Statt weniger Big Player wird es in nächster Zeit regelmäßig neue Dienste und Devices geben, auf die man ein Auge haben sollte. Und das nicht nur online. Die Zahl der Digital- und Spartenkanäle ist auch im linearen TV in den letzten Jahren enorm gestiegen. Ob die sich auf Dauer nur mit eingekaufter Ware bespielen lassen, wage ich zu bezweifeln und auch RTL hat endlich erkannt: „Create New Hits“.

Aber auch online tut sich, neben dem Big Player Youtube, immer mehr. Facebook, Snapchat, Instagram & Co. haben die Wichtigkeit von Bewegtbild erkannt und es werden noch viele andere Anbieter folgen. Warum auch nicht? Die Aufmerksamkeitsspannen sinken und Nutzer von Smartphone, Tablet und Co. möchten unterhalten werden. Immer und überall.

Statt über Jahre nur einen einzigen Anbieter zu bespielen, wird es immer wichtiger, die Nutzer dort anzusprechen, wo sie gerade sind. Social Media sind nur Facebook und Twitter? Irrtum, mit MDR SPUTNIK an der Front haben etwa News-Anbieter erkannt: Bei WhatsApp erreiche ich die Leute besser und bekomme sogar mehr und interaktives Feedback. Mittlerweile setzen sogar etablierte Anbieter wie n-tv oder die Heilbronner Stimme auf die Chat-App und Vorreiter SPUTNIK setzt sie sogar zur Illustration von Nachrichten ein.

Ich will sagen: Auch Bewegtbild muss dort stattfinden, wo die Nutzer sind und ihre Bedürfnisse erfüllen. Niemandem ist geholfen, wenn eine Serie im Ersten läuft, nur 7 Tage in der Mediathek bereit steht und dann die Suche beginnt: Netflix hat Staffel 1-2, bei Maxdome gibt es Staffel 3, aber nur zur Hälfte und die neuesten Folgen gibt es sowieso nur exklusiv auf DVD – aber ich will sie doch in HD schauen.

Der Markt muss und wird sich viel stärker am Nutzer orientieren. Was er nicht findet, findet auch nicht statt. Man kann sich nicht mehr auf das große Marketingbudget eines Senders verlassen, sondern muss Nutzer und vor allem Influencer direkt erreichen.

Während im Heimkino gerade alle Zeichen auf 4K und Ultra-HD stehen und auch hochwertige Online-Reportagen zeigen, wozu wir Journalismus brauchen, sinken im Daily Business die Ansprüche: Jumpcuts statt Schnittbilder, ein VJ mit Spiegelreflex statt fetter Kameracrew und Budgets pro Video, die schlanker sind als die nächste Miss Germany. Wenn ich als Nutzer Information möchte, rückt eben diese in den Fokus und nicht, wie viel Geld in die Machart gesteckt wurde.

So lässt sich abschließend auch die Frage nach dem Wohin des Bewegtbilds nur mit „überall hin“ beantworten. Und dass Energie und Know-How investiert werden müssen, um Schritt zu halten. Fernsehen ist nicht tot, sondern wird vielfältiger und offener denn je. Das ist eine Chance für viele Newcomer und die Herausforderung der nächsten Jahre für alle etablierten Medienmacher.

Foto: accessomat / commons.wikimedia.org