„Lässliche Sünden“

Oliver Castendyk von der Produzentenallianz über die Definition des Produzenten und die Unsitte von Sendermitarbeitern, sich als Ko-Produzenten in Abspänne einzuschleichen

Prof. Oliver Castendyk  ist wissenschaftlicher Direktor der Produzentenallianz.

Prof. Oliver Castendyk ist wissenschaftlicher Direktor der Produzentenallianz.

Herr Castendyk, was genau ist eigentlich ein Filmproduzent?
Die Produzentenallianz vertritt einen weiten Begriff. Wer bewegte Bilder produziert, egal ob für Kino, Fernsehen, DVD, das Internet oder Industriekunden, ist für uns ein Produzent. Er muss aber am Ende die Gesamtverantwortung für das gesamte Produkt tragen, auch die finanzielle. Er geht mit seinem Produkt ins Risiko. Wer nur Programmteile zuliefert oder irgendwo fest angestellt arbeitet und produzentenartige Tätigkeiten ausübt, ist für uns noch kein Produzent.

Ein Producer fällt damit raus.
Genau. Der entscheidende Punkt ist das Überschreitungsrisiko bei einer Produktion. Das ist ein zentraler Aspekt für uns. Ein Ko-Produzent trägt ebenfalls ein Risiko, ein reiner Ko-Finanzierer nicht. Zwar wird in der Praxis das Budget nur selten überschritten. Aber das Risiko ist da und das zählt.

Trotzdem kann sich jeder den Titel „Produzent“ auf seine Visitenkarte drucken lassen. Warum ist der Beruf immer noch frei?
Es gibt viele Produzenten, die keine oder eine völlig andere Ausbildung haben und die trotzdem sehr erfolgreich sind. Den Studiengang „Produktion“ gibt es ja auch erst seit etwa 20 Jahren. Es macht also keinen Sinn, diese Berufsbezeichnung zu schützen. Das war nie unser Anliegen.

Können Sender als Produzenten auftreten?
Grundsätzlich schon, das ist aber eine etwas komplizierte rechtliche Situation. Es gibt eine Rechtsprechung des BGH, die sagt: Sender können Produzenten sein, aber sie haben dann nicht die Produzentenleistungsschutzrechte sondern nur die Senderleistungsschutzrechte. Mit anderen Worten: Ja, Sender können Produzenten sein, zum Beispiel bei Eigenproduktionen. Trotzdem sind sie keine typischen Produzenten, weil ihre Risikostruktur völlig anders ist.

In letzter Zeit sieht man immer wieder, dass Sendermitarbeiter als Produzenten in Abspännen auftauchen. Ist das nach Ihrer Definition eines Produzenten zulässig?
Als Redakteure können diese Mitarbeiter gerne im Abspann stehen. Sie sind in diesen Fällen meist inhaltlich stark beteiligt. Produzenten sind sie nicht, denn weder sie persönlich, noch der ko-finanzierende Sender tragen das vertragliche Risiko, wenn die Produktion teurer wird, als kalkuliert.

Dann lehnen Sie diese Praxis ab?
Als ich Co-Geschäftsführer von SevenPictures war, habe ich immer auf derartige „personal credits“ verzichtet. Aber ich habe Verständnis für lässliche Sünden…