Das Zuchtprogramm

Plötzliches Erwachen: Thüringen möchte nicht nur zahlen, sondern mehr MDR-Produktionen ins Land holen.

Im MDR wurde diese Woche ein sehr unterhaltsamer Beitrag gesendet, Thema: das sächsische Lachszuchtprogramm. Die Regierung hat Millionen Euro für Fischtreppen an sächsischen Flüssen ausgegeben. Doch nie kam ein Lachs von der Nordsee ins Erzgebirge herauf: An einem Wehr im Nachbarland Sachsen-Anhalt blieben alle Fische hängen. Die sächsischen Ambitionen – zerschellt an mangelnder Kooperation der Nachbarn.

Einem kleinen, aufstrebenden Lachs ähnelt auch der Medienstandort Thüringen. Seit fast 25 Jahren versucht er, die Laichgründe zu erreichen, doch nie kam er dort an. Gerade geht er sogar wieder den Bach runter. Ausgerechnet die lachsfreundlichen Sachsen haben diesem Fisch fleißig Barrieren gebaut.

Sagenhafte 1,6 Milliarden Euro Rundfunkgebühren hat Thüringen seit Gründung des MDR großzügig an die Sachsen verschenkt. Vorsichtig geschätzt. Hunderte gut bezahlte Arbeitsplätze in Leipzig haben die Thüringer mehr als 20 Jahre lang finanziert. Standortpolitisch ein absoluter Alptraum. Immerhin wurden die Thüringer mit frischen MDR-Programmen aus den Nachbarländern beglückt. Doch jetzt wird das Bergvolk undankbar. Und das nur, weil der MDR für seine neue Digitalstrategie mal wieder Millionen in Sachsen und Sachsen-Anhalt investiert und – wie immer in den letzten Jahren – fast gar nichts in Thüringen.

Die Zeitungen in Thüringen waren diese Woche voll mit den Details. Die neue Landesregierung denkt offenbar, Thüringen könne über die Verteilung seiner eigenen Rundfunk-Gebühreneinnahmen selbst mit entscheiden, wie es Brandenburg, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz in ihren Mehrländer-Anstalten machen. Rot-Rot-Grün will den skurrilen Länderfinanzausgleich ins schwarze Fernseh-Sachsen endlich stoppen.

Nur keiner weiß so richtig, wie. Der MDR-Staatsvertrag kann erst Ende 2019 wieder gekündigt werden. Der Rundfunkrat ist für Strukturfragen nicht zuständig und die Intendantin habe auch keine Entscheidungsspielräume, heisst es. Alle zucken mit den Schultern und ein namenloser Insider raunt: „Die Sachsen machen gewaltig Druck in der Anstalt.“

Die können die plötzliche Undankbarkeit der Thüringer gar nicht verstehen. Über die „Provinzpolitik“ in Erfurt lästerte ein einflußreiches Dresdner Medien-Blog am Freitag. An der Elbe, wo die sächsische Medienpolitik gemacht wird, hält man die reichlichen Geldzuflüsse aus Thüringen offenbar für gottgegeben und immerwährend.

Deutet sich hier ein neues Zuchtprogramm an? Sachsen züchtet Wut und Widerstand bei seinen übervorteilten Nachbarn. Im Gegensatz zur Lachszucht scheint dieses Programm seit dieser Woche erste Erfolge zu zeigen.