„Das zerrt an den Nerven“

Crowdfunding für Filme kann zum aufregenden Abenteuer werden. Gute Vorbereitung ist wichtig. Filmemacher Mark Michel berichtet aus der Praxis

Filmemacher Mark Michel hat viel Zeit fürs Crowfunding investiert. Foto: Privat

Filmemacher Mark Michel hat viel Zeit fürs Crowfunding investiert. Foto: Privat

Was für einen Film wollt Ihr drehen?
Der Film heißt „Sandmädchen“. Darin geht es um die 23jährige Veronika, die Autismus hat und mehrfach schwer körperlich behindert ist. Ich hatte einen Kurzfilm mit ihr gedreht und gemerkt, dass es in ihrer Welt viel mehr zu entdecken gibt. Sie war bereit, einen längeren Film zu machen. Und wir haben dann mehr als zwei Jahre in die Entwicklung gesteckt.

Wie seid Ihr die Finanzierung angegangen?
Wir haben das Treatment zuerst bei allen relevanten Fernsehsendern eingereicht, leider ohne Erfolg. Dafür haben wir jedoch vier Förderer mit dem Projekt überzeugen können, so dass wir den größten Teil der Förderung zusammen bekommen haben. Der nötige Eigenanteil war jedoch so groß, dass wir uns entschlossen haben, ihn zu splitten und zusätzlich eine Crowdfunding-Aktion zu starten. Wir wollten damit außerdem Marketing für den Film machen. Also schon vor dem Dreh Interesse wecken, ein Publikum ansprechen und auf dem Laufenden halten über die Entstehung des Films. Wir hatten uns vorgenommen, 17.000 Euro per Crowdfunding aufzutreiben.

Ist das viel oder wenig?
Schon recht viel. Bis 5000 Euro kann man viel über Facebook machen und das Geld von Freunden und Bekannten einsammeln. Bei 17.000 Euro wird das schwierig. Da muss man sich richtig reinknien, um die Summe zu schaffen. Wir hatten ja zunächst nur 30 Tage Zeit.

Wie genau kniet man sich da rein? Was macht man?
Zuerst musst Du Dir genau überlegen, welche Leute Du ansprechen willst. In unserem Fall waren das zum einen Menschen, die sich mit Inklusion beschäftigen, aber eben auch Menschen, die das Projekt an sich spannend finden würden. Erik Weiser, ein guter Freund, und ich haben dann wochenlang Mailinglisten erstellt, also Adressen aus dem Internet rauskopiert, von Forschern, Ärzten, Psychologen, Freunden, Filmfestivals und filminteressierten Menschen. Wir haben telefoniert und etliche Verbände und Vereine angesprochen. Dann haben wir unterschiedliche Anschreiben verfasst und allen das Projekt vorgestellt, natürlich immer mit einem Link zur Crowdfunding-Seite. Wir haben die Aktion international angelegt und die Texte auch ins Englische und Französische übersetzt und dann in unseren internationalen Netzwerken verbreitet. Die eigentliche Crowdfundingseite muss natürlich auch sorgfältig vorbereitet werden. Da müssen gute Videos, Fotos und Texte drauf. Sonst braucht man gar nicht erst anzufangen. Es ist auf jeden Fall eine gewaltige Menge Arbeit. Die Leute wollen merken, dass man sich Mühe gibt.

Habt Ihr Euch vor die Kamera gesetzt und über Euer Projekt erzählt?
Das haben wir probiert, aber als Autor bin ich gewöhnt, eher dahinter zu stehen. Doch wir hatten ja zum Glück schon den Kurzfilm und konnten den recht gut präsentieren, um einen Vorgeschmack auf den späteren Film zu geben. Das hat ziemlich gut funktioniert. Die Leute sind im Schnitt mehrere Minuten auf unserer Crowdfunding-Seite geblieben. Der Film wurde ziemlich oft geschaut.

Dann kommt der Tag, an dem man das Projekt online schaltet. Was passiert an diesem Tag?
Da kommt die Familie (lacht). Mein Onkel hat 200 Euro überwiesen, meine Cousine war auch gleich dabei und nach und nach die Freunde. Die Arbeit geht aber weiter. Man muss anfangen, das Projekt über Facebook und andere soziale Medien zu promoten und die Mailings rausschicken. Und man schaut ständig nach dem Kontostand. Ich hatte damals gerade ein Smartphone bekommen und hing wirklich ständig dran. Das zerrt an den Nerven.

Wie oft kann man die Leute per Facebook an das Projekt erinnern? Man darf sie doch auch nicht zu sehr nerven, oder?
Das war uns auch wichtig. Ich bin selbst mehrfach mit Crowdfunding-Anliegen zugespamt worden, auch mit guten Projekten, aber ich kann eben leider nicht alles mitfinanzieren. Wir haben Facebook sehr sparsam eingesetzt, um unsere Freunde nicht zu vergraulen. Stattdessen haben wir Pressemitteilungen rausgeschickt. Die Sächsische Zeitung, das MDR-Radio, Radio Corax und Radio Blau und der Kreuzer haben über uns berichtet und das hat uns geholfen. Und natürlich haben auch ein paar Blogger unsere Aktion weiter getragen. Am Ende haben viele Freunde und Unterstützer für unser Projekt geworben und so hat es sich auch ständig weiter getragen und seine eigene Dynamik im Netz entwickelt.

Welche Belohnungen habt Ihr den Geldgebern versprochen?
Die üblichen Sachen bei Filmprojekten, DVDs, Premierentickets. Für fünf Euro gab es „Gutes Karma“, das hat ein Freund aus Neuseeland zum Beispiel gleich zehn Mal gekauft, einfach weil er das Projekt auch ohne materielle Gegenleistung unterstützen wollte.

Wie ist die Kurve bei Euch verlaufen? Ging es sofort hoch oder musstet Ihr bangen?
Normalerweise geht es am Anfang steil hoch, dann kommt ein Tal und am Ende zieht es noch mal an. Das war bei uns anders. Wir hatten die ganze Zeit eine fast gerade Kurve, es kam also beständig immer Geld dazu. Leider nicht genug für die Frist, die wir uns gesetzt hatten.

Das heisst?
Wir haben nach 20 Tagen gemerkt, dass wir es nicht schaffen. Nach 30 Tagen hatten wir erst 60 Prozent unserer Summe eingesammelt. Bei Vision Bakery kann man dann aber die Frist hochsetzen, auf 55 Tage. Und dann haben wir noch mal nachgelegt. Die Leute von der Plattform haben uns geraten, alle Leute noch mal ganz persönlich anzuschreiben, die uns schon unterstützt hatten. Damit die noch mal in den letzten Tagen netzwerken und andere Leute ansprechen. Das war wieder sehr arbeitsaufwändig, hat aber super funktioniert.

Wann war das Geld zusammen?
Einen Tag vor Ende hatten wir 100 Prozent. Am Ende waren es 102. Das ist natürlich eine absolute Erleichterung. Ohne das Geld wäre unsere ganze Finanzierung gescheitert, wir hätten die Fördermittel nicht bekommen und nicht wie geplant drehen können. Und das bei all dem Aufwand, den wir für das Crowdfunding getrieben hatten.

Unabhängig vom Geld: Hat sich die Sache am Ende für Euch gelohnt?
Ja, hat sie. Du kommst mit Leuten zusammen, die Interesse an Deiner Arbeit haben und daran, so einen Film entstehen zu lassen. Man bekommt dadurch auch Inspiration. Wir haben einen Verein kennengelernt, der den Film später für Schulungszwecke verwenden will. Die haben gleich noch international für uns gesammelt und 2500 Euro gespendet. Das war richtig super. Ich habe auch einen sehr herzlichen Brief einer älteren Dame bekommen, die zwar keine finanziellen Mittel hat, um das Projekt zu unterstützen, mir aber ideell alles Gute gewünscht hat und mir einen inspirierenden Buchtip gegeben hat. Das war mindestens genauso viel wert wie das Erreichen unseres Crowdfunding-Ziels, einfach weil sie so schön geschrieben hat.

Dein Fazit: Würdest Du es wieder machen?
Ehrlich gesagt: Eher nicht. Es ist schon extrem zeitaufwändig und man weiß eben vorher nicht, ob es klappt. Aber wir hatten eben Glück.

Webseite des Films

Sandmädchen bei Vision Bakery