„Stammzuschauer nicht verprellen“

Die Jugendoffensive beim WDR ist aus Quotensicht gerade gefloppt. Lässt sich ein Drittes Programm im Internetzeitalter überhaupt wieder verjüngen? Vorschläge von Dirk Panter, Mitglied des MDR-Rundfunkrats und SPD-Fraktionsvorsitzender im Sächsischen Landtag.

SPD-Medienpolitiker Dirk Panter aus Leipzig

SPD-Medienpolitiker Dirk Panter aus Leipzig

Herr Panter, Sie sind 41. Ist das MDR-Fernsehen für Sie zu alt?
Die Zielgruppe des MDR ist vorrangig in der zweiten Lebenshälfte und von denen wird der MDR vor allem gehört und gesehen. Dies spiegelt sich natürlich im Programm wider. Das Angebot richtet sich sehr an der Nachfrage aus und ist somit abhängig von der Quote. Diesen Umstand würde ich gerne verändern. Hier wünsche ich mehr Innovation und weniger Quotenfokussierung.

Im Westen wird über den ostdeutschen Rentnersender gelästert. Was fies ist und sicher nicht stimmt. Aber Schunkelsendungen gibt es nach wie vor…
Wenn das wirklich die vorherrschende Meinung wäre, würde mir das Sorgen machen. Fakt ist: Der Altersdurchschnitt der MDR-Zuschauer liegt um die 60 Jahre. Bestimmte Formate, die Sie als Schunkelsendungen bezeichnen, erfreuen sich großer Beliebtheit. Das muss mir nicht gefallen, aber ich muss es zur Kenntnis nehmen. Diese Stammzuschauer sollten bei allem Modernisierungswillen nicht verprellt werden. Zumal ja auch das Durchschnittsalter in der Bevölkerung stetig steigt.

Klingt nach einem Dilemma. Beim WDR sind junge Sendungen gerade breit gefloppt, obwohl sie teilweise gut gemacht waren. Auch beim MDR sind jüngere Angebote nicht gerade Riesenhits. Wie kommt der Sender wieder an Jüngere ran?
Indem die Akzeptanz des MDR erhöht und der Sender breiter aufgestellt wird. Das gelingt aus meiner Sicht zum Beispiel durch einen verstärkten Fokus auf seinen Informationsauftrag. Dieser Auftrag bedeutet: verlässliche Orientierung bieten in der Nachrichtenflut – regional und ausgewählt auch überregional. Ergänzend dann noch gut recherchierte, informative und wenn nötig auch kritische Hintergrundgeschichten. Kurzum, der MDR sollte in Sachen Information und Nachrichten unangefochten die erste Adresse im Sendegebiet sein.

Viele junge Leute sind unzufrieden, weil sie Gebühren zahlen müssen und dafür keine Angebote vom MDR bekommen. Wäre es nicht Aufgabe des Rundfunkrats, hier einzugreifen und die Einhaltung des Programmauftrags stärker einzufordern?
Die Kritik an der Rundfunkabgabe kommt bei weitem nicht nur von der jüngeren Generation. Aus meiner Erfahrung als Medienpolitiker heraus würde ich sogar das Gegenteil behaupten. Kritische Zuschriften kommen viel häufiger von älteren Menschen an mich heran. Aber das nur am Rande.

Vielleicht erwarten die Jungen schon gar nichts mehr…
Der MDR war nicht untätig. Er versucht seit einiger Zeit, den veränderten Nutzungsgewohnheiten gerade der jüngeren Generationen zu entsprechen. Hörfunk, TV und Internet verschmelzen zunehmend. Sehr gelungene Beispiele sind hier das Angebot zu 200 Jahren Völkerschlacht und die aktuelle Berichterstattung zu Integration und Asyl in Mitteldeutschland auf einer modernen, informativen Internetseite.

Aber nach einer Woche müssen viele gute Angebote wieder gelöscht werden.
Das ist für mich ein Grund für die geringere Attraktivität bei den jüngeren Zielgruppen. Denn dort spielt das Internet als Informations- und Unterhaltungskanal eine immer größere Rolle. Der Rundfunkrat kann die Verweildauer jedoch nicht ändern. Dies obliegt den Landesparlamenten, die es in den Rundfunkstaatsverträgen regeln. Ab und an wird darüber diskutiert, die Verweildauer abzuschaffen oder zumindest auszuweiten – bislang noch ohne Ergebnisse. Das ist ärgerlich.

Was sind für Sie als Vertreter einer jüngeren Zielgruppe derzeit die Highlights im MDR-Programm?
Mir gefällt der Fokus auf regionale Themen. Das beginnt bei regionalisierten Magazinen wie dem „Sachsenspiegel“, geht weiter mit Unterhaltungssendungen mit Geschichten und Köpfen aus dem mitteldeutschen Raum, bis hin zu historischen Formaten wie „Geschichte Mitteldeutschlands“. Diese Sendungen erfreuen sich generationenübergreifend großer Beliebtheit und finden auch bei jungen Menschen positive Resonanz. Mit Karola Wille als Intendantin hat es zudem Veränderungen in der Programmgestaltung gegeben. Einige etwas angestaubte Formate wurden durch neue ersetzt.

Was finden Sie schlecht?
Wir sollten die Schwarz-Weiß-Brille ablegen und nicht dauernd in wertvolles und minderwertiges Fernsehprogramm einteilen – und die jeweiligen Nutzerinnen und Nutzer gleich mit. Innovationen sind wichtig, um den MDR in die Zukunft zu tragen und an dieser Stelle ist einiges passiert und noch viel zu tun. Sehgewohnheiten zu akzeptieren ist aber ebenso wichtig.

Könnten Sie im Rundfunkrat eine Verjüngung aktiv vorantreiben?
Wir sind keine Fernsehfachleute, sondern ein Kontrollgremium. Wir machen nicht das konkrete Programm. Unseren Einfluss machen wir aber dennoch geltend. Beispielsweise indem wir die Berichterstattungen des MDR kritisch diskutieren, auf Mängel hinweisen und Alternativen vorschlagen.

Kritiker sagen, Rundfunkräte seien zu zahm und würden mit den Intendanten hauptsächlich Kaffee trinken. Wie schmeckt denn der Kaffee bei Frau Wille?
Das kann ich Ihnen nicht sagen, weil ich keinen Kaffee trinke. Im Übrigen finde ich, dass sich eine freundliche Gesprächsatmosphäre und kritische Diskussionen nicht ausschließen.

Können wir daran teilhaben? Der RBB macht Rundfunkratsprotokolle seit längerem öffentlich.
Da ist der RBB weiter als der MDR, aber auch daran arbeiten wir. Seit Dezember 2014 sind die Tagesordnungen und Ergebnisse der Rundfunkratssitzungen öffentlich und für alle im Netz einsehbar. Über weitere sinnvolle Maßnahmen wird aktuell diskutiert – eine Veröffentlichung der Sitzungsprotokolle gehört für mich grundsätzlich dazu und dafür setze ich mich ein.

Sie haben die regionalen Programme gelobt. Wäre es nicht gut, wenn die auch von Produzenten aus der Region produziert würden? Bisher verteilt der MDR viel Geld an Auftragsproduzenten von außerhalb. Eine blühende Medien-Landschaft kann so kaum entstehen. Warum ist das kein Thema für den Rundfunkrat?
Woher wissen Sie, dass dies kein Thema ist? Das wird seit Jahren intensiv diskutiert, weil wir hier tatsächlich ein Problem haben. Im Rundfunkrat wird darüber debattiert – wir sind im Grunde ständig damit befasst. Ein Ergebnis dieser Diskussion ist der vor gut drei Jahren eingeführte Produzentenbericht, der jährlich erstellt wird. Dieser Bericht ist ein erster Schritt, einige andere werden sicher noch folgen.

Eine Regionalquote wäre doch schön. Würden Sie sich dafür einsetzen?
Wir können uns dafür stark machen, aber die Einführung einer Quote gehört nicht zu unseren Kompetenzen. Was wir aber tun, ist im ständigen kritischen Dialog mit dem Sender zu sein und auf eine Verbesserung hinzuwirken.

Die neue links geführte Landesregierung in Thüringen will mehr Produktionen des MDR nach Thüringen holen. Halten Sie diese Ansprüche für gerechtfertigt?
Diese Diskussion kocht aktuell hoch, ist aber im Grunde schon in der Vergangenheit immer mal wieder aufgemacht worden. Und wie so oft im Leben macht auch hier der Ton die Musik und ich finde, in diesem Fall hat man ihn nicht getroffen. So etwas diskutiert man aus meiner Sicht in dieser Schärfe nicht in der Öffentlichkeit. Inhaltlich habe ich jedoch ein gewisses Verständnis für die Diskussion. Der MDR ist eine Dreiländeranstalt und das sollte sich auch widerspiegeln. Angesichts der Produzentenlandschaft im mitteldeutschen Raum und der aktuellen Auftragsvergabe kann ich nachvollziehen, dass die Thüringer sich benachteiligt fühlen. Diese Fragen müssen wir aber gemeinsam angehen, diskutieren und lösen. Mit dem Messer vor der Brust lässt sich diese Debatte schwer führen.

Wo sehen Sie den MDR in fünf Jahren?
In Leipzig und stark verankert in den drei Ländern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Vielen Dank für dieses Gespräch.

Foto: Carolin Weinkopf