Erschöpft vom Erfinden und Warten bin ich eingenickt auf dem Papierstapel voller eingereichter Projektideen.

Der Tag war wie so viele meiner Tage: etliche Themen zum Sender geschickt, Entscheidungsträgern hinterher telefoniert, wieder einmal niemanden erreicht. Kalkulationen nach unten korrigiert, unrealistische Vertragszusätze akzeptiert und von einer Ausschreibung gehört, die unerklärlicherweise an mir vorbei gegangen ist. Tiefste Selbstzweifel suchen mich heim. Bin ich denn so schlecht?! Ein paar meiner Filme haben doch schon Preise gewonnen. Aber das sind keine mitteldeutschen Produktionen. Hier begnüge ich mich mit den kleinen, den ganz kleinen Dingen. Alles, was ich cool finde, findet im TV ohnehin nicht statt. Und wenn doch, findet es immer ohne mich statt.

Mein Gewissen meldet sich: Es wird endlich Zeit. Zeit für mehr Anstand im Fernsehen, für viel mehr Mut, für Fairness, Respekt und Vertrauen. Wo ist sie, die Hand aus dem Himmel (mehr …)

Was macht dieser dicke, eckige, sprechende Kasten in meinem Traum? Er steht vor meinem Ofen, brummelt vor sich hin und riecht irgendwie nach saurem Teig. Wieso ist er so grün – ist das etwa Bernd das Schimmelbrot?

Ein bisschen Nachtprogramm ist ihm geblieben und eine kleine KiKA-Sendung. »Ich will den Jugendkanal«, stöhnt er traurig, »ich bin so altbacken« – bereit aus Verzweiflung und Protest seinen Teigleib ins Backrohr zu stürzen. »HALT!« brüllt mein Traum-Ich. »Eine neue Brotzeit bricht an! Der Jugendkanal kommt! Das haben heute alle Intendanten beschlossen. Spring nicht in die heiße Röhre! Komm zurück und mach mit! Lustige, mutige und wahrhaftige Brotmenschen werden da gebraucht.«

Tatsächlich einstimmig heben alle Intendanten ihre zarten Finger, als es im Gremium »Junge Formate« gilt, die Revolution im deutschen Fernsehen zu beschließen: Der Jugendkanal soll’s endlich richten. Ein Sender für die schwierigste TV-Zielgruppe, die der 16- bis 25-jährigen. Ab 1. Januar 2013 von 21 bis 4 Uhr auf den Frequenzen des KiKA. Es wird ein krasses, provokatives, lustiges Programm. Üppig ausgestattet (mehr …)

Wie kann unser Quotengarant nur so versagen? Wieso interessiert sich am Vorabend niemand mehr für Tommy Laberrhabarber? Sind es seine Falten? Oder die ersten Anzeichen für das Sterben eines linearen Rentnerfernsehsystems?

Als Kind habe ich fast jede Nacht von einem großen blonden Mann geträumt. Er war nicht sexy. Er war nicht hübsch. Und doch: Er war mein Idol. Wie er auf die Bühne geschritten ist – mit seinen langen Beinen, seinen bunten Klamotten, dieser markanten Nase und dem breiten Grinsen. Ja, ich war in Thomas Gottschalk verliebt. Wenn ich ehrlich bin, ich bin es noch. Ich wollte so werden wie er: locker, witzig, pfiffig, schlagfertig und vor allem stinkreich.

Jetzt, 25 Jahre später, arbeite ich selbst beim Fernsehen. Und ich habe wieder von Tommy geträumt, letzte Nacht. Er war überall im Ersten, in jeder Sendung. Bei »Hart aber fair« jubelte das Publikum 20 Minuten für Frank Plasschalk. Günther Gottjauch moderierte in farbenfrohen Tangas und Netzhemden. Ranga Yogeshwar versuchte (mehr …)

»Außenseiter Spitzenreiter, abgesetzt! Café Trend, abgesetzt! Alles Gute, abgesetzt!« So ist es also, wenn oben in der Fernsehgötter-Etage Entscheidungen gefällt werden.

Wenn Direktoren und Redaktionsleiter mit ihrem Heiligenschein umstrukturieren, Gott spielen. Wenn die nur wollen, kann alles ganz schnell gehen. Genau diese schnellen Götter sitzen mir gegenüber – im kühlen Konferenzraum, 12. Stock. Was wollen die von mir? Mich etwa auch absensen? Doch da ist noch jemand im Raum. Bedächtig, nachdenklich, eine entschlossene Frau: »Wir haben jetzt jede Menge Platz im Programm«, sagt sie mit ihrer rauchigen Stimme. »Und wissen Sie was…?« Innerlich stürze ich mich Brücken herab, schneide mir die Pulsadern auf, lasse Föne in die Wanne fallen und schütte Erde auf mein eigenes Grab. Jetzt bin ich wohl auch dran! »Wissen Sie was? Sie sind Produzent«, verkündet die strahlende, siegesgewisse Göttin, »wir brauchen Ihre Ideen. Sie bekommen jeden Sendeplatz, den Sie wollen. Produzenten sind unsere Rettung, allein kriegen wir soviel Neues nicht hin. Über Preise müssen wir nicht reden, Abnahmen sind lästig und brauchen zuviel Zeit. Produzieren Sie, legen Sie los!« Plötzlich knallen Türen auf. Frostiger Wind bläst mir ins Gesicht. Ein Mann rollt in den Raum. Wütend. Schimpfend. »Wir müssen sparen. Wir haben kein Geld. Alles alle. Bis auf den letzten Cent. Schluss mit dem ganzen Produzieren! Wir brauchen keine lästigen Firmen mehr! Wir übernehmen das Personal vom ZDF. Das kostet! Die haben zu viele Beschäftigte. 50% der Mainzer Belegschaft werden nach Leipzig versetzt. Das habe ich gedealt. Und übrigens, damit Sie es kapieren: Ich bin auch zurück!«